„Tutto
il buono, con cura“
Dieter
Froelichs Bericht von einer italienischen Reise.
Erinnern
Sie sich an die wunderbare Szene aus „Casablanca“, in
der ein nach Amerika auswanderndes älteres Pärchen dem Wiener
Kellner in Rick‘s Café stolz erzählt, daß
es schon die Sprache seiner neuen Heimat gelernt habe, was es auch
gleich, mit dem folgenden Dialog demonstriert:
„What
watch is it?“ - „Eight watch!“ - „Oh, such
much?“ Der Kellner zuckt angesichts dessen kaum merklich zusammen
und murmelt in seinem Wiener Dialekt: „Sie werden wunderbar
zurechtkommen in Amerika.“
Die
Kommission, die Dieter Froelich dazu ausersehen hat, ein Jahr in Italien
zu verbringen, hätte mit dieser Entscheidung kaum falscher und
richtiger zugleich liegen können. Falsch war die Entscheidung,
weil Froelich ein ziemlich bodenständiger Mensch ist, der sich
nur schwer mit dem Gedanken befreunden konnte, sein heimatliches Atelier
und seine vertraute Ungebung für zwölf Monate zu verlassen
- und genau richtig war sie deshalb, weil jemand wie Froelich, ausgewiesenermaßen
alles andere als ein Kosmopolit und wenig neugierig auf das Fremde
jenseits der eigenen Ateliertür, vielleicht besonders geeignet
ist, einen fremden Blick auf eine fremde Umgebung zu werfen.
Ganz
im Sinne des zitierten Kellners dachte ich vor der Abreise: „er
wird wunderbar zurechtkommen in Italien“, und auf welche Weise
er zurechtkam, davon legt die Ausstellung „Tutto il buono, con
cura“ ein zumindest indirektes Zeugnis ab.
Froelich
arrangiert in dieser Ausstellung Versatzstücke einer exotischen
Warenwelt deren Fremdheit sich allerdings, das wissen wir nach zweihundert
Jahren Kapitalismus, darauf beschränkt daß die Milch im
Tetrapak hier „latte“ heißt, die pürierten
Tomaten „passata“ und der Zucker „zucchero“
- der Chianti bleibt überregional genauso Chianti wie der Espresso
„illy“, und beide stehen nicht anders im Regal des deutschen
Kaufhof wie des italienischen „GS“-Supesmarktes. Die Exotik
des Konsums beschränkt sich darauf, daß die Waren, wenn
es hochkommt, in einer leicht folkloristischen Verkleidung auftreten.
Ganz
ähnlich ist es mit den Stereotypen über jenes Land, wo die
Zitronen blühen, das bevölkert ist von typisch italienischen
Frauen und gut gekleideten Männern, die sich selbst bei vierzig
Grad Hitze - ganz im Gegensatz zum deutschen Touristen - nie und nimmer
in kurzen Hosen zeigen würden. Froelichs in Italien entstandenes
Sammelalbum „Roma (non cé.)“ legt beredtes Zeugnis
davon ab, daß es Rom tatsächlich nicht gibt - jedenfalls
nicht jenseits der exotistischen Erfindung, die ein deutscher Tourist
aus ihm macht, wenn er angefangen von Goethes italienischer Reise
über das Urlaubsutopia der fünfziger Jahre bis hin zur bildungsbürgerlichen
Idee der „accademia“ alles das an Italien heranträgt,
was er schon kennt, ohne jemals dort gewesen zu sein.
Diese
Bestandteile eines immer schon bekannten Auslands, eines „Krähwinkels
in der Fremde“, wie Ernst Bloch das mal genannt hat, fügt
Froelich zu einer Ausstellung zusammen, indem er das tut, was er als
Künstler immer schon getan hat: ikonifizierte oder ikonifizierbare
Worte, Objekte, Bilder und Texte zu einem Ensemble zusammenzufügen,
in dem das Fremde immer nur in seiner Relation zu einem Betrachter
erscheint, dessen ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, sich die
Welt heimisch zu machen.
Froelich
fügt die italienischen Gegenstände in sein eigenes Universum
ein: er, der meist in einen Blaumann gewandet ist, zeigt „vestiti
blu“: blaue Kleider in Italien; er, ein glänzender Koch
und passionierter Esser und Trinker, führt die Inventarisierung
der Nahrungsmittel im Supermarkt vor: Essen in Italien, und er, der
skrupulöse, wenn schon überhaupt Reisende, verwandelt das
imaginäre Bildungsgut der italienischen Reise in einen zusammenklappbaren
Reisetext: Goethe in Italien.
Froelichs
künstlerisches Vokabular erweist sich in seinen neuen Arbeiten
einmal mehr als äußerst tragfähig: die Magie der banalen
Gegenstände schreibt sich in Gestalt der auf den Maßstab
1 : 1 gewachsenen Kaufmannsladen-Artikel fort, die - obgleich erwachsen
geworden - immer noch mit Puftreis gefüllt sind; das visuelle
Inventar des fremden Landes – Strände, Menschen, Kleider,
Waren, Verhaltensweisen - wird eingeklebt in das vorgesehene Sammelalbum,
jenes Typs von Album in dem alles schon vorab seinen genau bestimmten
Platz hat, und die pseudo-ethnologische Untersuchung der Materialien,
der Kleidung und der Ernährungsweise der Einheimischen kommt
im Diakarussell auf seinen touristischen Nennwert.
Aber
eben auch nicht: Denn indem Froelich punktgenau die Medien und Aufbewahrungsorte
seiner Erfahrung der Fremde vorführt, vermag er zu zeigen, was
einzig fremd an der Fremde ist: er selbst.
Froelichs
bildnerische, plastische und semantische Übertragungen des unausweichlich
Bekannten in ein Fremdes, wie es im Licht der Erwartung des Exotischen
erscheint, ist so ironisch wie ernsthaft: nur so, als Exotik des Banalen,
bietet sich die Erfahrung dem Künstler, der an Exotik sowenig
glaubt wie an ihr Gegenteil, die Heimat. Froelichs Werk, von dem hier
ein aktueller Ausschnitt zu sehen ist, der sich systematisch in andere
Teile seines Werkes einfügt, schafft ein Drittes zwischen einer
Fremde, die es nicht gibt, und einer Heimat, die es nicht gibt: eine
Objekt- und Bilderwelt, die unter Rückgriff auf Elemente eines
kindlichen Staunens und begrifflich aufscheinender Utopien Erfahrung
transzendiert.
Froelich
legt das Unbekannte im Bekannten frei und ist sich doch in jedem Auganblick
bewußt, daß alles Unbekannte nur im Modus des schon Bekannten
erscheinen kann. Diese wunderbaren Arbeiten, wenn ich das mal so einfach
sagen darf, holen das bornierte Goethesche „Auch ich in Arkadien!“
zurück auf eine Ebene der wirklich machbaren Erfahrung: daß
es eben doch immer bloß und ob in Arkadien oder anderswo dasselbe
„ich“ bleibt, das irgendwo ist.
Harald
Welzer
Hannover
1997