Die
Dinge des Lebens
„Ich
weiß von einem Chronophobiker, den so etwas wie Panik ergriff,
als er zum ersten Mal einige Amateurfilme sah, die ein paar Wochen
vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Er erblickte eine praktisch
unveränderte Welt - dasselbe Haus, dieselben Leute -, und dann
wurde ihm klar, daß es ihn dort nicht gab und daß niemand
sein Fehlen betrauerte. Er sah seine Mutter aus einem Fenster im ersten
Stock winken, und diese unvertraute Geste verstörte ihn, als
wäre sie irgend ein geheimnisvolles Lebewohl. Aber was ihm besonderen
Schrecken einjagte, war der Anblick eines nagelneuen Kinderwagens,
der dort vor der Haustür selbstgefällig und anmaßend
stand wie ein Sarg; auch er war leer, als hätte sich im umgekehrten
Lauf der Dinge sogar sein Skelett aufgelöst.“
Mit
diesen Worten beginnt Vladimir Nabokov seine Autobiographie „Erinnerung,
sprich“. Seltsame Vorstellung: daß man irgendwann, und
übrigens vor gar nicht langer Zeit, nicht da war, während
alles andere - Häuser, Kinderwagen, Leute - ganz unbeeinträchtigt
von der eigenen Abwesenheit sich seines Daseins freute. Dieter Froelich
zeigt solche Dinge, die ganz unbeeinträchtigt von irgendeinem
Gebrauch, ja, von einem Menschen, der sie nutzen würde, da sind:
Koffer, Taschen, Kleider, Vasen, Flaschen, allesamt Behältnisse
also, deren Form dafür geschaffen wurde, etwas aufzunehmen.
Allerdings:
Hier haben sie diese Funktion verloren. Die Bedeutung der Dinge hat
sich durch den Abformprozess bzw. durch den Wechsel des Materials
verflüchtigt. Zurück bleibt die Form, wenn man will: die
Essenz des Gegenstands. Froelichs Vasen sind verschlossen, bergen
also allenfalls einen Inhalt, nehmen aber keinen mehr auf; seine Kosmetikflaschen
sind aus Wachs und haben keinen Platz für Lotionen, die Einkaufstaschen
sind gefüllt, und sogar die Koffer sind gepackt, mit Texten nämlich,
an denen der Reisende statt der Kleider zu tragen hat.
Die
Inhalte sind immer schon da. Jedes Ding hat seinen Zweck schon in
sich selbst erfüllt und läßt keinen Gebrauch mehr
zu. Plastik, und darum geht es hier, zeigt sich in Froelichs Formulierung
als Spur des Wunsches nach dem unbedingten Ding, als Cremefläschchen,
dessen Form nur noch auf den möglichen Gebrauch verweist, den
wir von ihm machen könnten, wenn es, ja, wenn es eben keine Plastik
wäre. ,,Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer
nur Dinge“, hat der Romantiker Novalis einmal gesagt, und dies:
daß es kein Unbedingtes gibt, sondern immer schon Zwecke, Inhalte,
Gebräuche, Anweisungen, Lesarten, die uns zwar verfügbar,
aber leider nicht von uns geschaffen sind - das ist die Panik, die
Nabokovs Ohronophobiker befällt, als er den leeren Kinderwagen
sieht, der den Platz des Neuankömmlings in der Welt schon längst
vor dessen Ankunft auf das Genaueste definiert hat.
Froelichs
Plastiken sind paradoxe Dinge, die in ihrer Masse, ihrer Verschlossenheit,
ihrem Gefülltsein, auf einem unbedingten So-Sein beharren wollen.
Was für eine anachronistische Position, wo uns doch ständig
erzählt wird, es ginge um Kommunikation, um Diskurse, um Interaktion,
also um etwas, das im Fluß wäre, in einem fluiden Zustand
des beständig Auszuhandelnden, nie festgelegten! „Selbst
schuld, wer sich noch freiwillig zur Avantgarde einziehen läßt“
und - so könnte man ergänzen - sich ihr nicht verweigert:
denn natürlich war die vorpreschende Avantgarde als Vorhut der
angreifenden Armee immer schon in der eher unglücklichen Lage,
das Kanonenfutter in einem Gefecht abzugeben, das sich erst dann wirklich
abspielt, wenn sie schon nicht mehr da ist. Froelich, so scheint es,
zieht es vor, zur Nachhut zu gehören, denn die kann es sich leisten,
die Dinge in dem beruhigten Gefühl zu betrachten, noch einmal
davongekommen zu sein.
Das
Feld, auf dem Froelich seine Dinge arrangiert, hat sich gegenüber
seinen früheren Arbeiten nuanciert, aber doch deutlich verändert:
Stand früher die Entdeckung einer - freilich immer von anderen
zuvor entdeckten - Welt des Erfahrens und Wissens im Zentrum, das
Thema der Kindheit, der Schule, des Reiseberichts, verschiebt sich
der Focus nun auf die Dinge selbst. Diese Arbeiten scheinen weniger
zu erzählen zu haben, weil schon so viel gesagt ist. Insofern
geben diese Dinge auch Auskunft über den Reifungsprozeß
eines künstlerischen Werkes, das zu einer Form findet, die desto
mehr auf Mitteilung verzichtet, je mehr sie einfach da ist. Das nun
ist gewiß nicht das schlechteste, was sich über die Arbeit
eines Plastikers sagen läßt. Auch ich würde ja den
Anachronismus wagen, zu sagen, daß Kunst noch immer das Andere,
das Nicht-Identische sein muß, das mir gegenübertritt und
mir als Anderes etwas ermöglicht: Subjektivität, das Vermögen,
versöhnt mit einer Welt sein zu können, die ich nicht kenne.
Harald
Welzer
Hannover 1999