Sin
titulo
„Was
also ist die Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern...“
(Nietzsche)
Denn
da steht eine Spanholzbox im Raum: 6 m lang, 2,40 m hoch und 2,50
m breit. Der obere Teil ist bespannt mit einer gelben, handelsüblichen
LKW-Plane der Feinkostfirma KÜHNE. Flankiert wird dieses Stilleben
von zwei Schriftkästen: der eine mit 35 KÜHNE-Logos bedruckt;
der andere zwei Sätze des Nikolaus von Kues vorstellend: „Daher
kann die wahre Beschaffenheit (veritas) und die Genauigkeit des Löffelseins,
die nicht vervielfacht und nicht übertragen werden kann, niemals
durch Werkzeuge irgendwelcher Art und durch irgendeinen Menschen in
vollkommener Weise sichtbar gemacht werden. In allen Löffeln
strahlt eben nur jene einfachste Form wider, in dem einen mehr und
in dem anderen weniger, in keinem ganz genau.“
Die
Kargheit der Form, die ungewohnte Konsistenz und die Aufstellung der
Spanholzbox im Kulturort Ausstellungshalle reißen diesen LKW-Anhänger von Dieter Froelich raus aus den Zusammenhängen der spätkapitalistischen
Massenproduktion - ohne diese dabei aus den Augen zu verlieren. Vielmehr
spielt die Box den Part eines isolierten, bloßgestellten Bruchstücks
aus dem Lastenverkehr, das - vom üblichen Gebrauchswert befreit
- eine neue Bedeutung gewinnt. Der LKW-Anhänger wird „in
allegorischer Betrachtung sowohl im Rang erhoben wie entwertet“
(W. Benjamin). Die Perspektive Walter Benjamins erweist sich auch
weiterhin als erkenntnisträchtig: für die allegorische Betrachtung
im Sinne seines „Trauerspielbuchs“ übernehmen z.
B. die beiden Schriftkästen und die KÜHNE-Logos auf der
Plane weit mehr als nur beigeordnete Nebenrollen. Das KÜHNE-Logo
-die gelbe Abbildung eines (barocken) Ritterkopfes und der ebenfalls
gelbe Schriftzug „Kühne“ auf grünem Grund -
teilt das Schicksal aller Zeichensysteme: Es gibt keine unmittelbare
Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichneten. Allein Zeichensysteme
untereinander bilden einen relativ eindeutigen Zusammenhang - hier
das Bild des Ritterkopfes und der Schriftzug „Kühne“.
Logo und LKW-Anhänger jedoch besitzen nur im durch alltäglichen
Gebrauch erlernten Kontext des Lastenverkehrs eine bedeutende Beziehung:
Kein besonders gewagter LKW wird benannt, sondern der einer bestimmten
Feinkostfirma. Diese Funktion scheint das Emblem auf der Spanholzbox
dank der Erinnerung an das Übliche immer noch zu erfüllen,
doch diesmal „lügt“ das Logo - es handelt sich ja
schließlich um eine Arbeit von Dieter Froelich und eben nicht
um einen Anhänger von KÜHNE.
In
der redundanten, 35-fach wiederholenden Darstellung verliert das auf
den einen Schriftkasten übertragene Logo noch mehr an Sinn, „je
öfter man nämlich genau dasselbe sieht, desto mehr schwindet
seine Bedeutung und desto besser und leerer fühlt man sich.“
(A.Warhol). Und auch Nikolaus von Kues’ Text auf dem anderen
Schriftkasten thematisiert die Problematik von Übertragung und
Vervielfältigung von „Wahrheit“. So sprechen sich
in der Arbeit von Froelich die KÜHNE-Logos „bedeutungsvoll
als Rätselfrage aus“ - genau wie Benjamin es für die
barocke Allegorie behauptet: Eine Rätselfrage, die den Verfall
von Sinn vorführt und das leere Zeichen als hohlen „Totenkopf“
vorführt.
II.
„Der
Du soll kommen“ fordert Froelich in seinem vierseitigen Katalogbeitrag (in: Künstler 91, Alexander Dorner Kreis,
Hannover 1991.) zur Ausstellung des LKW-Anhänger. Zwei
Seiten später stellt er fest: „Ich hätte nicht gedacht,
daß er sterben müßte“. Das „Du“
transformiert durch den vorgestellten bestimmten Artikel zum Ding
- das er als Wort immer schon ist - und begibt sich auf die Reise
vom Subjekt zum Objekt, das Verhältnis von Leben und Sterben
umschreibend. Vor und zwischen den beiden Textseiten ist je ein Photo
eines Elefanten plaziert; in der zweiten Abbildung ist der Elefant
einen Schritt vorgegangen. Im Bild eingefangene Bewegung, die textliche
Gegenüberstellung von „kommen“ und „sterben“
sowie die quasi Fortsetzungsstory der beiden Photos - im Prinzip eines
Daumenkinos -machen diesen Katalog beitrag zu einem „Bild der
erstarrten Unruhe“ (Benjamin).
Vergleichbar
der Spanholzbox selbst: Da keine Räder beigefügt sind, steht
ein eigentlich bewegbarer LKW-Anhänger fest und ungerührt
auf dem Boden. In einer früheren Plastik -gezeigt 1990 in der
Ausstellung „RaumKlima“ des Kunstvereins Hannover hatte
Froelich zwei mit blauen Planen zugedeckte Spanholzboxen noch mit
jeweils vier Rädern beweglich gehalten. Und auch seine Puzzle-Tafeln
stellen stabile Zustände dar und ermöglichen dennoch bewegende
Teilhabe: In mit Tafellack beschichteten Tischlerplatten sind die
Silhouetten alltäglicher Gegenstände wie Tisch, Tasse oder
Treppe gesägt und mit einem kleinen Griff versehen. So lassen
sich die einzelnen Teile aus den Tafeln isolieren und wieder
in das System einfügen. Die Puzzle-Tafel „Amerika gibt
es nicht“ (1992) spitzt das Prinzip auf semantische Fragestellungen
zu. Denn jetzt ist es eine Weltkarte, die in eine Tafel gesägt
ist. Das Abbild eines räumlichen Sachverhaltes also wird verflacht
auf eine Oberfläche und somit lesbar gemacht. Gleichzeitig kann
die Karte - schon in der Logik von Port Royal das vorrangige Beispiel
eines Zeichens - jederzeit auseinandergenommen werden. So geraten
die Signifikanten ins Gleiten und verraten sich als „ein bewegliches
Heer von Metaphern“, das das Brechen des Stillhalteabkommens
mit dem Ergebnis „Amerika gibt es nicht“ begreiflich macht.
Hier,
in der Konfrontation von Bewegung und (Leichen-)Starre offenbart sich
die allegorische Bedeutung in ganzer Spannbreite: die Endlichkeit
von bewegtem Leben zeigt sich genauso wie die Endgültigkeit dieses
Naturgesetzes und der Abbau von Sinn - „Das ist der Kern der
allegorischen Bedeutung..., bedeutend ist sie nur in den Stationen
des Verfalls.“ (Benjamin).
III.
Doch
die Zeit, die trennt nicht nur, sie ist eben auch die conditio sine
qua non der Naturgeschichte. Tod ist immer nur da, wo auch Leben ist;
Verfall von Leben und Entstehen von Leben bedingen sich gegenseitig.
Unter anderem dies thematisiert Froelich in seinen Speisenkarten (1992): Auf 15 Karten aus Rollogewebe hat der Künstler den Speisenplan
einer von ihm im Frühjahr 1992 unternommenen Reise nach Barcelona
festgehalten. Für jeden Tag existiert eine Karte, auf der neben
der Uhrzeit der Name der genossenen
(Fein-)Kost - zur Regeneration von Leben vernichtetes Leben - in schwarzer
Farbe notiert ist. Dabei werden spanische Eigennamen einiger landestypischer
Gerichte bei ihrer ersten Notierung im „fremden“ Rot gedruckt. (Dem Wechsel der Sprache entspricht hier - wie
auch in einer Arbeit Froelichs mit den russischen Worten für
„Suppe“, „Tisch“ und „Pferd“ (1992)
- der Wechsel der Farbe. Mehrsprachigkeit war auch für Nietzsche
ein Ausdruck der Unzulänglichkeit von Zeichen: „denn sonst
gäbe es nicht so viele Sprachen“.) Stets
haben die Stationen des Verfalls in diesem Tagebuch eine lebenserhaltende
Funktion.
Der
Tod ist so ewig, wie das Leben stets ist. Also steht da - und auf
verschiedenen anderen Werken Froelichs - nichts als das Wort „stets“:
so banal wie bedeutungsschwanger. Gedruckt ist es in schlicht - sachlicher
Grotesk auf einer Spanholzplatte - dem Material, mit dem Froelich
stets Bewegung einfängt: Pferde, Schiffe („Die
Passion für die Schiffe oder für das bewegliche Spielzeug
ist bei Baudelaire vielleicht nur ein anderer Ausdruck des Verrufs,
der bei ihm die Welt des Organischen betroffen hat“, meint Benjamin.) oder
eben einen LKW-Anhänger. Das Spanholz, das als industriell gefertigtes
Material gleichsam ein Holz zweiter Natur ist, wird zum Stereotyp
mit feststehender und wiederkehrender Bedeutung. „Stets“
erscheint losgelöst aus jeglichem Satz- oder Textgefüge
und wird so zum Bruchstück; vergleichbar vielen Wörtern
und Silhouetten, die Froelich auf Tafeln, Rollogeweben, Leuchtkästen
und Planen gedruckt hat oder den isolierten Teilen der schon beschriebenen Puzzles. (So konstituiert sich Froelichs Œuvre mit ständigen
Verweisen und Stereotypen auch im fest- und fortgeschriebenen Dialog
untereinander - ähnlich dem Dialog eines Tagebuchs.)
Gedruckt
ist „stets“ in der Farbe Blau - wieder ein Stereotyp bei
Froelich - der Farbe der Sehnsucht, der auratischen Ferne. Ein Wort
geht auf Distanz: Je länger man den erstarrten Genitiv „stets“
anschaut, um von so weiter schaut er zurück. Statt semantischer
Prägnanz prägt sich immer mehr der visuelle Eindruck des
Palindroms ein: Endlos ließen sich die Konsonanten „st“
um den Vokal „e“ kehren - wären sie nicht festgedruckt.
Und was bleibt: „E pur si muove“ (Galilei).
IV.
In
Bewegung auch setzt Froelich gleichsam das Abgußverfahren das
er meist für seine Plastiken verwendet, wenn er die blaue Spur
der Embleme von KUHNE, PELIKAN oder SHELL - alles Embleme, bei denen
Bild und Wort einen ziemlich eindeutigen Zusammenhang eingehen - mittels
der Hektographie aufs Papier bringt. In beiden Vervielfältigungs
techniken wird das „Original“ via Übersetzung ins
andere Material zum mal zwei-, mal dreidimensionalen Schatten seiner
selbst. Und redundante Wiederholung ereignet sich hier wie da. Dabei
scheint das Abgußverfahren -einer Totenmaske gleich- zeitliche
Vergänglichkeit ein Stück weit zu leugnen, während
die Hektographie dank des sich schnellen „Leer-Nutzens“
genau diese betont. Erinnerung ist gefragt. So wird die Einzigartigkeit
des zu Erinnernden zum Problem und gleichzeitig eine unverrückbare
Position ad absurdum geführt. Denn die Erinnerung ist eine bewegte,
vom aktuellen Augenblick bestimmte Geschichte. Den Moment der Erinnerung
noch unterstützend, tritt die Hektographie in den Dialog mit
den temps perdu des je eigenen Schulbesuchs (Stundenprotokoll). Und
korrespondiert mit den uns ebenfalls an die Schulzeit denken lassenden
Tafeln und Gewebekarten Froelichs.
V.
Werke,
ausgestellte Werke, im Katalog abgebildete Werke, Katalogtexte über
Werke, Eröffnungsreden, Kritiken - auch dies eine sinnentleerende
Redundanz? Oder doch eine Reflexion, die die romantische Hoffnung
einlöst und sich in einer „never ending story“ potenziert
und spiegelt, um schließlich doch neue Erkenntnis zu erspüren?
Raimar
Stange
Hannover 1992