An
unsentimental journey
»Sind
Sie in Spanien gewesen?«
Ja
der Herr Froelich ist im Frühjahr ’92 in Spanien gewesen.
Genauer: in Barcelona. Dort hat der Künstler Tagebuch geführt.
Und genauestens den Speiseplan seiner vom Alexander Dorner Kreis geförderten
Arbeitsreise festgehalten. Diesen Speisenplan hat er später auf
15 Karten aus Rollogewebe übertragen — für jeden Tag
eine Karte: links die Uhrzeit zu der gegessen wurde, rechts der Name
der genossenen (Fein-)Kost.
Spanische
Eigennamen einiger landestypischer Gerichte wurden in diesem Prozeß
bei ihrer ersten Notierung in roter Farbe fixiert, während die
übrigen Eintragungen in schwarzer Farbe auf die hellen Karten
gedruckt sind. Diese künstlerische Datensicherung Froelichs —
von fern an On Kawara genauso erinnernd wie an Daniel Spoerri —
leugnet all das, was eigentlich versprochen schien.
Denn
auf den 99 cm x 151 cm großen Karten ereignet sich keine fiktionale
Gestaltung des Ich: Der Betrachter findet kein Subjekt, das sich während
der Lehrtage eines Reisestipendiums die (Osborne-)Hörner abläuft,
um am Ende einen entwickelteren Standpunkt der Welt gegenüber
einzunehmen. Die lapidare und unsentimentale Setzung „Uhrzeit-Mahlzeit“
läßt jeglichen Textverlauf vermissen.
Die
Verwendung von Druckbuchstaben, also räumlich getrennter und
diskreter Zeichen, statt einer Handschrift aus einem Guß betont
dieses Moment und verstärkt gleichzeitig den fast objektiv anmutenden
Charakter der Arbeit. So gemahnt sie eher an einen Fahrplan der Deutschen
Bundesbahn als an ein autobiographisches Tagebuch. Nicht einmal ein
Datum erfährt der Rezipient auf dem Nebeneinander der 15 Karten.
Kein Fortschritt oder gar Dramatik ist ablesbar: Das Leben wird nicht,
es ißt.
Und
darum ist es keine leere Zeit, die hier vorgeführt wird, denn
in der alltäglichen Nahrungsaufnahme (ver)sichert sich Froelich
seine(r) Existenz.
Dabei
wird das Speisen in der doppelten Bedeutung des Wortes zum Motiv:
als „Bewegung und Antrieb“ des Lebens und zugleich als
„Gegenstand einer künstlerischen Arbeit“ Einer künstlerischen
Arbeit, die — im gewissen Sinne — selbst ebenfalls keine
Entwicklung kennt: Umkreisen, variieren und flechten die „Speisenkarten“
sich doch ein in ähnliche Komplexe, die Froelichs Arbeiten mit
den Sujets Suppe, Herd, Küche, Löffel, Tasse, Zuckerdose,
Pferd und Osborne thematisieren.
Raimar
Stange
Hannover
1992