Einige
der von Froelich in den letzten Jahren verwendeten Werkstoffe sind
gefärbtes Wachs, Karton, Gußkeramik und Schultafellack.
Diese Materialien sind traditionell gesehen ungewöhnlich, doch
in der Kunst des 20. Jahrhunderts, speziell der Nachkriegszeit, als
Ausgangsmöglichkeit für Plastik zu denken.
In
der Tat sind die Plastiken von Froelich Denkskulpturen, philosophische
Setzungen, nicht Philosophie als Selbstläufer, sondern Plastik
als Philosophie als Praxis, also Kunst als Praxis, Kunst, um etwas
zu tun. Nicht damit die Kunst etwas darstellt, sie ist in sich selbst
kontextlos, denn sie stellt sich selbst dar. Zugleich will sie Wesenheiten
erspüren, die sonst den Objekten nicht so immanent sind. Die
Plastik strebt veränderte Ziele zu erreichen, in denen nicht
mehr geredet, sondern Skulptur wieder angebetet wird. Wissen ist nicht
gleich Kunst. Mit seinen Abgüssen versucht Froelich nichts zu
beweisen oder neue Theorien aufzustellen oder gar sie selbst theoretisch
einzubinden. Bei aller Präzision erkennen wir die Formellosigkeit
der Plastik, nicht des Tuns; erkennen wir freie und offene Strukturen,
Plastik als Matrix für Wege zum Mythos, für Entmaterialisierung
durch Verdinglichung.
Das
heißt, daß die Plastiken doch nicht ganz so zweckfrei
sind, nicht nur pure Form zeigen, dabei aber stringent karg sind.
Das Abbild ist nicht Mimesis, sondern direkter Abguß. Abgüsse
nicht nur von originalen Objekten, wie der Wasserkanne von der Tankstelle,
Geräten unterschiedlichster Art, sondern auch von selbst modellierten
Objekten, wie einem Pferd, das nicht in der Originalgröße
des Pferdes abgegossen wird, sondern vom sehr verkleinerten Modell.
Es ist also egal, ob die Objektwelt aus gefundenen oder selbsterstellten
Modellen besteht. Froelich sieht Formen, Objekte, die er durch den
Guß umdeutet, denen er ihre eigentliche angewandte Integrität
nimmt, um sie auf die Plätze von Aura zu setzen. Eine Dialektik
zwischen Handwerk (das kann ich auch) und Vergeistigung entsteht.
Das Pferd als schönes Tier, die Kanne als geeignete Form, die
Tasse, das Haus, die Schultafel, die Zeitung, die blaue Praline. Im
Prinzip sind die Vorwürfe des Künstlers alle gleich.
Dennoch
scheinen seine Setzungen unterschiedlich. Zeitungen werden neue Begrifflichkeiten
entgegengesetzt, Schultafeln werden durch Texte anders hinterfragt,
Pferde, bleiben wir einmal bei diesem Beispiel, werden in Boxen gezwängt,
dennoch bleiben sie als Plastik frei erfahrbar. Zwei Pferde in einer
Holzbox aus Novopan umschlossen. Jeder, der Pferde kennt, weiß,
daß die Box zugleich auch Sockel ist, denn so lange Beine können
Pferde nicht haben. Die Pferde, als die treuesten Tiere des Menschen,
so sagt man doch, treu, weil auch nützlich, schauen aus der Box
heraus, sie können über den Sockel, über ihre Einfriedung
in eine mögliche Freiheit, einen Freiraum blicken. Beide Pferde
haben einen gleich großen, gleich breiten und gleich tiefen
Platz, beide sind sie als Guß ident, sie entstammen dem gleichen
Modell. Das Paar hat gemeinsame Eltern, Froelich und sein Modell.
Sie
blicken in die gleiche Richtung, so als ob sich außerhalb der
Box etwas ereignen würde, so als ob sich Hoffnungen dorthin projizieren
würden. Die Box ist hart, konstruktiv, die Wachsgüsse sind
weich, lassen Modellierbarkeit erkennen, reflektieren durch die Farbigkeit
Licht, zeigen plastische Grate auf, artikulierte Ausführungen,
die gegen weniger präzise Stellen stehen. Dennoch sind die Pferde
gar nicht voll erfaßbar, der größte Teil von ihnen
versteckt in der Box. Unterschiedliche Komponenten, fast konträre
Eigenarten ergeben ein Spannungsfeld, aus dem heraus die Plastik lebt.
Das Große gegen das Kleine, das Verkleinerte gegen das nicht
gezeigte Übergroße, das auf dem Boden Stehende gegen das
Schwebende, das Runde gegen das Kantige, das Konstruierte gegen das
Organische, das Behandelte gegen das Unbehandelte, das Einfachere,
das Einfache gegen das Komplizierte, kurz unterschiedliche Themen
werden durch eine Plastik, durch eine künstlerische Setzung aufgezeigt.
Der
Plastiker vollzieht eine persönliche Handlung als Vergegenwärtigung
von Existenz. Plastik läßt sich nur durch den Sündenfall
erstellen, dadurch, daß das Objekt, das benutzt wird, seine
Unschuld verliert, dadurch, daß der Künstler einen unkomplizierten,
direkten Zugang zu diesem Objekt sich erarbeitet. Er kann damit mehr
als Sprache ausdrücken, eine andere Kommunikation führen,
die jenseits von diskursiver Erkennbarkeit sich abspielt.
Wenn
Froelich durch seine Vorliebe für Blau, die Farbe der Ferne,
seinen Arbeiten jenen transzendenten Charakter verleiht - enkaustische
Skulpturen sozusagen - dann mit dem Wissen um die Trivialität
der Objekte wie der Kunst selbst, in der Hoffnung, daß die Kunst
sehr wohl sich mit dem Alltäglichen beschäftigt, dessen
Eigenarten aufzeigt, um sie dennoch zu transformieren. Dadurch bekommt
Kunst als Handlung, Plastik als Existenzbeweis jene humane Dimension,
die die große Kunst seit allen Zeiten auszeichnet.
Dieter
Ronte
Hannover,
Juli 1990