Zum
Werk von Dieter Froelich
„Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besaß einen Kameraden.
Er hatte ein weißes Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses
Ding und gleichwohl etwas, in dem sein eigenes Dasein sich dunkel
spiegelte. Da er die lebendige Gestalt in ihm ahnte, hielt er es für
seinesgleichen, und in dem matten Glanz seiner künstlichen Augenperlen
war alles Licht der äußeren Welt gebannt. Er spielte nicht
mit ihm, nicht einmal lautlose Zwiesprache hielt er mit ihm, und obwohl
es auf einem Brettchen mit Rädern stand, dachte er nie daran,
es hin und her zu schieben. Aber wenn er sein Brot aß, reichte
er ihm jeden Bissen hin, bevor er ihn selber zum Mund führte,
und bevor er einschlief, streichelte er es mit liebkosender Hand.“
(Wassermann,
Jakob: Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens, München
1983, S. 19)
Der
32jährige Dieter Froelich gehört einer Künstlergeneration
an, deren Entwicklung in einer Situation erfolgt, die als kunsthistorische
Ernüchterung zu klassifizieren ist. Anstelle des euphorischen
Fortschrittdenkens einer kontinuierlichen Entwicklung der bildenden
Kunst vom Niederen zum Höheren, der Ablösung einer Avantgarde
durch die andere, ist Ernüchterung getreten. Die in der Nachkriegszeit
alle zehn Jahre stattgefundene Umwälzung in der Kunstsituation
hat zu einem schematischen Erwartungsdenken, gar zur Vorstellung eines
teleologischen, a priori auf den Triumph des Fortschritts angelegten
Entwicklungsprozesses der Kunst geführt.
Der reale Verlauf in den achtziger Jahren ist jedoch
ein anderer. Für dieses Dezennium sind keine radikal neuen Strömungen
auszumachen. Zunächst dominieren Neo-Bewegungen, die aber rasch
an Bedeutung verlieren. Eine Vielzahl von „Ismen“ bildete
sich heraus, ein pluralistisches Denken entstand, das die unterschiedlichen
Kunstpositionen nebeneinander akzeptiert. Kein Nacheinander mehr,
sondern ein Nebeneinander vieler individueller Sprachen und Ausdrucksweisen
tritt in den Vordergrund. Wurde diese Vielfalt zunächst euphorisch
als Emanzipation vom Diktat der Avantgarde verstanden, wird nun die
Gefahr der Orientierungslosigkeit beschworen.
Zum
einen thematisiert die jüngere Künstlergeneration die Verwandlung
des Kunstwerkes zur Ware, treibt Mimikry mit den Objekten der Konsumwelt.
Das objet trouvè aus dem Supermarkt dominiert, die Grenzen
zwischen Kunst und Kitsch verschwinden. (Dieser große Trend
zum vereinfachen, die bloße Spiegelung gesellschaftlicher Wirklichkeit
wird von Thomas Crow im Begriff des „Pastoralen“ gefaßt.)
(vgl.: Crow, Thomas: American Art of the Late
8O’s, in: BINATIONALE (Kat.), Städt. Kunsthalle, Düsseldort
1988, S.20 ff.)
Zum
anderen entwickeln junge Künstler eine neue Sensibilität
für konzeptuelle Kunst, ein Bedürfnis nach Inhalten und
ernsthaftem künstlerischen Anliegen.
Froelich
folgt in seiner künstlerischen Entwicklung weder dem Primat des
Banalen oder Pastoralen noch dem Primat des Intellekts konzeptueller
Kunst. Seine Plastiken, Zeichnungen, Bild- / Text-Arbeiten sind keine
philosophischen Denkmodelle, die den Rezipienten zu einem Teil des
Werkprozesses machen, sondern stellen sich selbst dar. Dennoch haben
die Arbeiten nur bedingt einen autoreferentiellen Charakter, da sie
auch über das Gesehene hinausweisen. Sicher intendieren Froelichs
Arbeiten nicht den oft strapazierten Rekurs auf das Gesellschaftliche.
(„Künstlerisches Handeln entsteht ja auch aus einer Art
Mangelerscheinung bezüglich des Lebens. Wir brauchen die Utopie
als das Erstrebenswerte, sollten aber nicht so naiv sein, Kunst und
Leben nivellieren zu wollen“, hebt Dieter Froelich in unserem
Gespräch hervor.)
Seine
künstlerische Aussage ist nicht Resultat willkürlich konstruierter
Zusammenhänge oder Abstraktionen, sondern Resultat einer existentiellen
Betroffenheit, die in der plastischen Arbeit selbst entsteht. Für
ihn hat Plastik einen tröstlichen Charakter, kann das Alleinsein
überwinden, ist nicht so immateriell, so vergeistigt wie Malerei,
sondern hat eine Präsenz von Sein.
Die
Grundidee seiner Arbeiten ist eine spezifische Affinität zu Gegenständen
des täglichen Lebens. Dies ist aber nur eine erste, eine äußere
Sicht der Dinge. Froelich bringt diese Gegenstände weder als
künstlerische Gestaltungsmittel im Sinne des objet trouvé
ein noch will er eine neue lkonographie der Lebenswelt des Menschen
aus typisierten Objekten entwickeln, weder haben die Arbeiten etwas
mit dem Konzept des ready - made zu tun noch thematisieren sie die
Verwandlung von Kunst in Ware. Der Umgang mit den Gegenständen
des täglichen Lebens erschöpft sich nicht in einem Zitieren
der Kunstgeschichte, vielmehr versteht es Froelich, eigene Akzente
zu setzen.
Keramikabgüsse
von Küchengeschirr, Wachs- oder auch Gipsabgüsse von Pferden,
Weihnachtsmännern, Schokoladentafeln, Madonnen, Gießkannen.
Abgüsse sowohl vom originalen als auch vom modellierten Objekt.
Warum diese Gegenstände? Die Auswahl ist nicht beliebig. Keine
willkürliche Akkumulation, vielmehr offenbart sich hier eine
Liebe zu den Dingen. Die Position, von der aus die Arbeiten operieren,
ist die der Kunst. Froelich nimmt diesen Gegenständen ihre eigentliche
Integrität und gibt ihnen eine neue Aura. Alltagsgegenstände
werden von ihrer gewöhnlichen Funktion befreit oder entfremdet.
So gelingt es ihm, die Wesenheiten zu erspüren, die normalerweise
den Objekten nicht inhärent sind. Die Wechselbeziehungen zwischen
Ursprünglichkeit und neuer Aura machen den Reiz dieser Plastiken
aus, sie bewegen sich auf dem schmalen Grat, wo zugleich verschiedene
Bedeutungsebenen vorhanden sind. In und mit dieser Spannung entfalten
die Arbeiten ihre originäre Kraft, scheinen namenlose Dinger
zu sein und sind gleichwohl etwas, in dem sich Froelichs eigenes Dasein
widerspiegelt.
Der
technoide Charakter des Umgangs mit den Gegenständen hat sich
zu einem technischen Prozeß entwickelt, der im Abgießen
von Dingen auf die Spitze getrieben wurde. Parallelen zur industriellen
Fertigung sind offensichtlich. Walter Benjamins Diktum, der Verlust
der Aura des Kunstwerkes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit,
kehrt sich auf geheimnisvolle Weise wieder um. Aura wird durch Reproduktion,
durch eine spezifische Weise von Reproduktion erzeugt.
Die
mit Tafellack beschichteten Spanplatten standen am Anfang der Auseinandersetzung
mit Sprache. Seit circa zwei Jahren arbeitet Froelich mit diesem Medium,
spürt der Sprache nach, die ihn in ähnlicher Weise fasziniert
wie die Gegenstände des täglichen Lebens. Das Wort bedarf,
um mitteilbar zu sein, der akustischen oder optischen Präsenz.
Um zu erscheinen, ist es auf Schrift oder Sprache angewiesen. (Sprache
wird hier als eine transzendentale Größe im Sinne Kants
verstanden, d. h. Sprache ist eine Bedingung der Möglichkeit
der Verständigung und Selbstverständigung und damit zugleich
des begrifflichen Denkens, der gegenständlichen Erkenntnis und
des sinnvollen Handelns.)
Durch
Sprache wird Kunst in Bereiche ausgeweitet, die jenseits des Visuellen
liegen. Heute setzt sich die bildende Kunst über kategoriale
Unterschiede zwischen Betrachten und Lesen, Malen und Schreiben, Bild
und Wort, Wahrnehmung und Begriff hinweg, die klassische Trennung
der Gattungen scheint überwunden. Sprache ist zu einem wichtigen
Medium innerhalb der bildenden Kunst geworden.
An
den Wänden der kargen, aber großzügigen Atelierräume
fünf blaue Plastikplanen, mit denen normalerweise die Rückfront
eines LKWs geschlossen wird - hier verfremdet durch Sprache. Siebdruck.
In weißen Lettern: „Pferd“, „Suppe“,
„Tisch“, „Schmerz“, „Löffel“.
Auf Rollogewebe weiße Schablonenschrift: „Er hielt seine
Küche stets in Ordnung, machte sich aber immer wieder schuldig.“
Leuchtkästen mit blauer Schrift wie „Der Du soll kommen“
oder „Heilig“. Wörter der Alltags- oder Umgangssprache.
Die Bezeichnungen wirken gleichermaßen vertraut wie rätselhaft,
scheinen banal, machen neugierig. Sprache, reduziert auf die Elementarform
ihrer selbst, erhält plötzlich Präsenz und Dinghaftigkeit.
Froelich findet Wörter wie er Gegenstände findet, benutzt
Wörter wie er Gegenstände benutzt.
Indem
das Wort so dasteht, wie es dasteht, ist es dem Betrachter möglich,
Sprache auch in ihrer Dinghaftigkeit zu erleben, sich von ihrer Funktion,
Begriff von etwas oder für etwas zu sein, zu lösen. Sprache
wird materiell. Sinnhaftigkeit, Vertrautheit einerseits, Dinghaftigkeit,
Fremdartigkeit andererseits — diese Polarität zieht sich
durch die Arbeiten Froelichs. Zum einen ist das Wort aus seinem Kontext
herausgelöst, will nichts sagen, nichts behaupten; zum anderen
bezeichnet das Wort etwas, hat einen Sinn, Rückgriffe auf Inhalte
sind möglich. Das Wort ist sowohl Wort als auch nicht Wort; es
will nichts sagen, sagt aber doch vieles. In diesem Zwischenbereich,
in dem weder das eine noch das andere dominiert, ist Froelichs Werk
angesiedelt. Das Dazwischen macht das Spannungsgefüge seiner
Arbeiten aus. Reflexionen über das Verhältnis von Bild,
Abbild und Begriff können zwar in den Arbeiten entdeckt werden,
haben aber eher marginalen Charakter. Die Ambivalenz von Klarheit,
Vertrautheit, Sinnhaftigkeit einerseits und der Bezug zum Unsagbaren,
das Auratische, die Dinghaftigkeit andererseits macht die Arbeiten
zu dem, was sie sind.
Der
Beitrag Froelichs zum Ausstellungsprojekt „AUSSENRAUM —
INNENSTADT, Kunst in den Medien“ ist einerseits als konsequente
Fortführung seiner Arbeit zu deuten, andererseits ergeben sich
neue Aspekte, so die Hinwendung zur Photographie. Weniger an ihren
traditionellen Schauplätzen wie Museen und Galerien, vielmehr
im öffentlichen Raum unterzieht sich die Kunst einem extremen
Test, wird unmittelbar Gegenstand von Diskussionen, setzt sich Urteilen
und Vorurteilen der Allgemeinheit aus. Eine junge Künstlergeneration
versucht, im öffentlichen Raum Zeichen zu setzen; bedient sich
unterschiedlicher lnformationsträger, um ihre subversiven Botschaften
einer breiten Offentlichkeit vorzustellen. Das kritische Hinterfragen
der Medienwirklichkeit, die Verbreitung politischer und moralischer
Botschaften haben für Froelich indessen nur sekundäre Bedeutung.
In
seinem Beitrag bezieht er zwei Medien aufeinander, das der Photographie
und das der Sprache. Einem photographierten Gegenstand wird ein Wort
zugeordnet: Kühlschrank — „Löffel“; Mülleimer
— „Fisch“; Herd — „Heilig“; Gasofen
— „Suppe“. Eine Arbeit besteht jeweils aus einem
Plakat mit einer Photographie und einem Plakat mit dem dazugehörigen
Wort. Die Reproduktion erfolgt im Siebdruck. Die Arbeit „Herd
- Heilig“ wird in der Innenstadt an verschiedenen Litfaßsäulen
plakatiert.
Anstelle
des Abgusses tritt die photographische Darstellung von Gegenständen
aus der unmittelbaren Lebens- und Arbeitssituation des Künstlers.
Durch das tagtägliche Miteinander sind Kühlschrank, Mülleimer,
Herd, Gasofen zu Individuen geworden — Ausdruck einer
inneren Befindlichkeit, Gegenstände, die im Laufe der Zeit liebgewonnen
wurden. Ihr eigentümlicher Charakter ist erahnbar. Die Art und
Weise der Repräsentation der mit Leben und Befindlichkeit beseelten
Gegenstände konterkariert diese Vertrautheit, läßt
ein Änigma entstehen. Es scheint, als ob Vertrautheit und Andersheit
miteinander ringen, mal überwiegt das eine, mal das andere. Der
sprachliche Part des Beitrages zum Ausstellungsprojekt greift die
Dialektik von semantischer Bedeutung und physischer Präsenz des
Wortkörpers früherer Arbeiten auf.
Die
Bild- / Text-Arbeiten zielen weder auf Konfrontation noch auf Koinzidenz
von visuellem Abbild und sprachlicher Formulierung, weder auf vordergründige
Irritationen noch auf hintergründige Konzeptionen. „Gegen
die Analyse würde ich das bloße Zeigen setzen.“ (Dieter
Froelich im Gespräch mit dem Autor.)
Sowohl
eine reflektive, auf die Inhalte als auch eine intuitive, auf die
Dinghaftigkeit bezogene Haltung zu den Arbeiten ist möglich.
Das Vertraute wie das Auratische machen verschiedene Leseweisen möglich.
Gegenstand und sprachlicher Begriff werden aus ihrer scheinbaren Entsprechung
gelöst, neu zusammengefügt. Traditionelle Wahrnehmungsgewohnheiten
geraten ins Wanken. Durch das Nebeneinander von visuellem Abbild und
sprachlicher Formulierung haben die Arbeiten eine neue Dimension erreicht.
Eine Potenzierung des Spannungsgefüges wird erfahren.
Die
Arbeiten Dieter Froelichs ermöglichen Fragestellungen, erzwingen
keine Antworten, sind künstlerische Gesten gegen das alltägliche
Sehen, zeigen die Eigenarten des Alltäglichen und transformieren
sie zugleich. Der Betrachter wird auf einen Bereich zwischen Vertrautheit
und Fremdartigkeit, Inhaltlichkeit und Dinghaftigkeit verwiesen. Erst
in der Bereitschaft, diese Zweiheit, dieses Sowohl-Als-Auch für
sich zu entdecken, liegt die Möglichkeit, die Arbeiten wirklich
zu erschließen. Eine Position, die sich weder dem Primat des
Banalen noch dem des Intellekts unterordnet, die statt eines spröden
Konzepts intellektuelle Frische bietet.
Joachim
Kreibohm
Bremen
1991