Dieter
Froelich: ORTnungen
Das
Werk von Dieter Froelich wird bestimmt durch seinen konzentrierten
Charakter. Es sind im wesentlichen vier Arbeitsfelder, innerhalb derer
er sich mit seinen Plastiken und Objekttafeln bewegt. Dabei bedient
sich Froelich nur weniger, kontinuierlich wiederkehrender und miteinander
korrespondierender Motive.
Am
weitesten in der künstlerischen Entwicklung seines Werkes zurück
reichen die bereits 1988 begonnenen und als Gußkeramiken ausgeführten
Arbeiten. Froelich hat für diese Objekte elementare plastische
Formen meist in mehreren Exemplaren abgegossenen und in offene Holzkästen
einsortiert. Die Kästen sind Fundstücke, die noch Spuren
des Gebrauchs und alte Beschriftungen tragen. Froelich verzichtet
für ihre Präsentation auf jede Inszenierung. Gleichmäßig
aneinandergereiht erwecken diese Stücke eher den Charakter eines
Materiallagers, welches die hier eingeordneten und abgestellten Formenelemente
für eine spätere - auch künstlerische - Nutzung erst
bereitstellt.
Später
entwickelte Froelich diesen Ansatz konsequent weiter, indem er bei
dem 1990 enstandenen Multiple der zwei identischen gotischen Madonnenfiguren
mit Christuskind ausdrücklich mehrere Präsentationsformen
ermöglicht. Die vom Künstler gefertigte Holzkiste mit Tragegriff
schützt die beiden Gipsplastiken nicht nur beim Transport. Sie
ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil des Werkes und gehört
ganz selbstverständlich mit zu jeder Präsentation. Ebenso
legitim erweist sich die Möglichkeit, lediglich die geschlossene
Transportkiste auszustellen, wobei die Madonnenfiguren den Blicken
der Betrachter entzogen bleiben.
Geschlossene
Behältnisse, in einigen Beispielen massive Holzobjekte, in anderen
mit einer Kunststoffplane abgedeckte Kisten, sind die Motive in weiteren
Werken Froelichs. Die größte dieser Arbeiten, ein Container
gebaut aus Spanplatten und verschlossen mit einer LKW-Plane der Firma
Kühne, entstand 1991 für die Präsentation der Alexander-Dorner-Preisträger.
Unter mehrere dieser Behältnisse, wie ebenso unter verschiedene
andere Objekte, hat Dieter Froelich Räder montiert, so daß
die Kunst mobil wird und vom einen zum anderen Ort bewegt werden
kann. Die Räder erfüllen damit in diesen Werken eine identische
Funktion, wie der Tragegriff in dem Multiple mit den beiden Madonnenfiguren.
Als
dritte Werkgruppe nehmen die sogenannten Laubsägearbeiten eine
zentrale Position in der Kunst von Dieter Froelich ein. Hierbei handelt
es sich um monochrome Wandtafeln in Grün, Schwarz oder Rotbraun.
Aus dem Holz sind die Konturen verschiedener Figuren und Gegenstände
ausgeschnitten; mit Hilfe eines Handgriffes können sie aus der
Fläche entnommen werden. Beide Präsentationsformen sind
gleichwertig, doch unterstreicht eine eher den Bildcharakter der Arbeit,
indem sie die Konturen der Motive lediglich als zarte Linienzeichnungen
markiert. Bei der anderen Anordnung der Teilstücke verlassen
die Objekte das Bildgeviert und werden als selbständige plastische
Körper präsentiert. Sie treten zugleich in ein Spannungsverhältnis
zu ihren identischen Negativformen auf den Wandtafeln.
Als
weiteres abschließendes Arbeitsfeld wären die Schautafeln
und Leuchtkästen zu nennen. Neben bildlichen Darstellungen arbeitet
Froelich hier häufig auch mit sprachlichen Begrifflichkeiten,
isolierten Worten oder kurzen Satzfragmenten.
Farben
sind ein maßgebliches Element für die Gestaltung der Objekte,
wobei Dieter Froelich auf immer dieselben drei Tonwerte zurückgreift,
die damit leitmotivisch das Erscheinungsbild seiner Arbeit mitprägen.
Alle drei Farben verfügen bei Froelich über einen individuellen,
ganz spezifischen atmosphärischen Charakter, durch den sie sich
sofort von einem bloßen Anstrich unterscheiden. Für das
Grün verwendet Froelich Schultafellack, der den Objekten diese
besondere dichte Oberflächenstruktur verleiht. Bei dem rotbraunen
Farbton handelt es sich um eine industrielle Rostschutzfarbe. Das
tiefe Blau seiner Wachshohlgüsse von Pferden, Häusern oder
Booten wiederum erreicht er durch die Beimischung von Farbpigmenten.
Darstellungen
von Pferden ziehen sich durch das gesamte Werk von Dieter Froelich.
Dabei greift er immer wieder auf das identische Vorbild zurück,
ein schlankes aufrecht stehendes Pferd, das durch seine Farbigkeit
zugleich verfremdet, aber auch typisiert wird. Das Motiv tritt in
den verschiedenen künstlerischen Gestaltungen und Abstraktionsgraden
in Erscheinung. Diese reichen von der als Objekt gegossenen vollplastischen
Figur über das aus der Holzplatte geschnittene Flachrelief, die
im Siebdruck aufgetragene Silhouette bis hin zum gedruckten Wort.
Das
„Pferd“ als Skulptur, Relief, Bild oder sprachlicher Begriff
sind für Dieter Froelich gleichwertige Möglichkeiten mit
seinen Motiven zu operieren, und er setzt sie jeweils den formalen
Bedingungen folgend alternierend und gleichberechtigt ein. Nie zeigt
er sich hingegen interessiert, ihre unterschiedlichen Realitätsgrade
einer vergleichenden Analyse zu unterwerfen oder sie gar gegeneinander
auszuspielen. Es geht ihm keineswegs um eine didaktische Untersuchung
über die unterschiedlichen Bedeutungen, die beim Vergleich von
bildlicher Darstellung und sprachlicher Bestimmung eines Gegenstandes
entstehen. Der belgische Surrealist René Magritte hatte deren
komplexes Beziehungsgeflecht bereits ausführlich in seinen Gemälden
und kritischen Essays abgehandelt.
Wenn
Dieter Froelich, wie für seinen Beitrag zu der Ausstellung „AUSSENRAUM
- INNENSTADT“, zumindest formal auf vergleichbare Bild-Text-Kombinationen
zurückgreift, dann konterkariert er damit gerade solche eher
didaktischen Ansprüche. Statt dessen versucht Froelich auszuloten,
inwieweit die Begriffe sich den Versuchen des Betrachters entziehen,
diese Beziehung zwischen dem Abbild „Herd“ und dem Wort
„Heilig“ herzustellen und die beiden gemeinsame Geschichte
zu rekonstruieren.
Für
seine Kunst hat Dieter Froelich ein nicht sehr umfangreiches Repertoire
von Motiven entwickelt, auf das er in den unterschiedlichen Arbeitsverfahren
und in wechselnden Kombinationen immer wieder zurückgreift. Auf
den ersten Blick scheinen diese Motive kaum Gemeinsamkeiten aufzuweisen.
Die Zusammenstellungen, mit denen Froelich in seinen Objekten operiert,
verweigern sich denn auch konsequent kognitiven Verbindungen. In den
Objekttafeln kombiniert Froelich einmal Pferd und Tisch und in einer
zweiten, gleichformatigen Arbeit Tasse und Kirche. Andere, wiederholt
in seinem Werk vertretene Motive sind Häuser, Schiffe, Fahnen,
Treppen, Madonnenfiguren, Weihnachtsmänner und, als abstrakte
Begriffe lediglich sprachlich formuliert, „Heilig“, „Schmerz“
und „Schuld“.
Trotzdem
lassen sich, parallel zu der mehr formalen Unterteilung in mehrere
Arbeitsfelder, auch drei unterschiedliche Motivfelder benennen. Ihnen
lassen sich zumindest die meisten der von Froelich verarbeiteten Figuren,
Gegenstände und Begrifflichkeiten zuordnen. Pferd, Schiff und
das erst jüngst als Modell entdeckte Flugzeug sind alle drei
Transportmittel und stehen damit im Werk für Ortsveränderung
und Mobilität. Es ist dies ein thematischer Aspekt, wie er mit
den Tragegriffen und Rädern ebenfalls, wenn auch auf anderer
Ebene, behandelt wird. Mehrere Motive verweisen im weitesten Sinne
auf religiöse bzw. christliche Inhalte (Madonnen, Kirchen, Weihnachtsmänner,
„Heilig“, „Schmerz“, „Schuld“).
In
einem 1990 entstandenen und auf Leinengewebe gedruckten Textstück
verbindet sich diese Thematik mit einem weiteren, dritten Motivfeld:
„Er hielt seine Küche stets in Ordnung, machte sich aber
immer wieder schuldig.“ Die Motive dieser umfänglichsten
Gruppe im Werk Froelichs stehen alle in einer Beziehung zu dem Lebensraum
„Küche“ und zur „Ernährung“ (Tisch,
Tasse, Löffel, Suppe). Gerade einige seiner aufwendigsten Arbeiten
thematisieren diesen Bereich: die 1989 entstandenen drei Tische mit
dem in Gußkeramik abgeformten Geschirr, der große Container
von 1991 mit dem Signet der Genußmittelfirma Kühne und
schließlich die jüngst entstandene 15-teilige Arbeit, in
der Froelich präzise seine täglichen Mahlzeiten auflistet.
Dieter Froelich, der während seines Studiums an der Frankfurter
Städelschule auch die Kochkurse bei Peter Kubelka besuchte, hat
diesen Erfahrungen in seiner Kunst eine intensive plastische Form
gegeben.
Die
Werkgruppen und ihre Motive bieten aber noch eine weitere Möglichkeit
der Klassifizierung. Zahlreiche Arbeiten wecken Assoziationen und
Erinnerungen an Kindheit und Schulzeit. Als Vorlagen für die
Wachs- und Gipsgüsse dienen fast ausschließlich Modelle.
Ebenso erinnert das auf ein Rollbrett gestellte Pferd an ein Kinderspielzeug,
während die aus den Wandtafeln ausgeschnittenen Formen das Prinzip
elementarer Lernspiele aufgreifen. Erinnerungen an die Schuljahre
werden wach, wenn Dieter Froelich grünen Schultafellack als Malmittel
verwendet, alte Lehrkarten aus dem Geographieunterricht verarbeitet
oder deren charakteristische Form mit dem zwischen zwei schwarze Holzstangen
gespannten Leinengewebe als Träger für eigene Texte nutzt.
Als druckgraphisches Reproduktionsverfahren hat er zudem die längst
veraltete Technik der hektographierten Blätter mit ihrem typischen
Blauton und dem ganz eigenen intensiven Geruch wiederentdeckt.
Die
für dieses Werk so bestimmenden, ständig wiederkehrenden
Motive und Materialien rufen in dem Betrachter Erinnerungen wach an
eine längst vergangene Zeit, als die Welt noch überschaubar
erschien und Erfahrungen begrenzt waren. Auch die Kunst von Dieter
Froelich bleibt in ihrer thematischen Konzentration überschaubar.
Die Objekte und Formen der Pferde, Fahnen, Häuser und Tische,
Begrifflichkeiten wie „Suppe“, „Löffel“,
„Heilig“ oder „Schuld“ und das blaue Farbpigment,
das Grün der Schultafeln und der rotbraune Anstrich der Rostschutzfarbe
prägen leitmotivisch das Werk. Sie mischen sich innerhalb dieses
künstlerischen Aktionsfeldes immer anders und formulieren damit
immer neue ästhetische Erfahrungen.
Dieter
Froelich bietet dem Rezipienten Gelegenheit praktisch oder doch zumindest
virtuell an Gestaltung und Komposition der Werke teilzuhaben und sie
zu manipulieren. Die montierten Räder, die Verpackungen mit den
Tragegriffen und die ausgeschnittenen Holzformen sind alle Ausdruck
von Möglichkeiten. Sie verweisen darauf, daß z.
B. der für das Objekt gewählte Standort im Raum keinen absoluten
Anspruch erhebt, kein idealer unveränderlicher Ort sein kann,
sondern lediglich eine neben anderen Möglichkeiten darstellt,
das Kunstwerk zu plazieren. Ebenso bieten die Wandtafeln und Objektkästen
jeweils mehrere Formen der Präsentation. Diese von der amerikanischen
Conceptual Art in den sechziger Jahren formulierte und in doktrinärer
Strenge vorgetragene Werkidee (Lawrence Weiner: „Es ist nicht
festgelegt wie das Werk aussehen sollte, vielmehr wie es aussehen
könnte.“) findet in den Arbeiten von Dieter Froelich eine
Fortsetzung und ihre dabei ebenso spielerische wie poetische Verwandlung.
Dietmar
Elger
Hannover
1992