Ein
Multiple ist ein Multiple ist ein Multiple
Die
Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts verfügt nur über wenige
Gattungen und Techniken, die sie exklusiv für sich beanspruchen
kann. Zu ihnen gehören das Verfahren der Collage ebenso wie das
des Multiples. Beide treten nicht nur neu auf, sondern können
auch sofort herausragende Positionen beanspruchen. Sie fokussieren
die bekannten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, überspringen
die bewährten Gattungsgrenzen und definieren damit beide auf
radikale Weise neu. Selbst nach Jahrzehnten der erfolgreichen Integration
in den ästhetischen Kanon bewahren sie sich ihre Sprengkraft,
indem sie sich auch weiterhin allen theoretischen Kategorisierungsversuchen
erfolgreich entziehen.
Begriffsbestimmungen,
was ein Multiple ist, durch welche Kriterien es sich auszeichnet und
damit von anderen Gattungen der Kunst eindeutig abgrenzt, hat es zahlreiche
gegeben. Ausstellungskuratoren und Katalogautoren haben immer versucht,
ihre jeweilige Werkauswahl definitorisch zu legitimieren und auf eine
objektivierbare Basis zu stellen. Solche Bemühungen hatten kaum
je über ihren unmittelbaren Anlaß - die Ausstellung oder
Publikation - hinaus Gültigkeit. Das kreative Potential des Multiples
läßt die unterschiedlichsten materiellen und konzeptuellen
Möglichkeiten zu und paßt es damit beständig den ästhetischen
Erfordernissen der Künstler an. Eine kunsthistorische Definition
des Multiples kann lediglich als Prozeß formuliert werden, welchem
die Werke selbst aber immer entweichen werden.
Trotzdem
existieren Rahmenbedingungen, die das Multiple in seinen chrakteristischen
Qualitäten beschreiben. Allerdings kennt jede einzelne bedeutende
Ausnahmen:
Multiples
existieren ausschließlich in mehr als einem Exemplar, nicht
jedoch als Repliken von vorhandenen Originalen. Doch bereits der kunsthistorische
Urtyp, Marcel Duchamps Flaschentrockner von 1914, widerspricht
dieser Definition. Er ist die Wiederholung und Multiplikation eines
verloren gegangenen originalen Ready-mades.
Zwei
Exemplare sind noch kein Multiple. „Three or More“ so
der Ausstellungstitel einer Präsentation von „multiplied
art from Duchamp to the present“, müssen es danach mindestens
sein. Für andere ist das Multiple idealerweise unlimitiert, so
daß ausschließlich die Nachfrage die Auflagenhöhe
reguliert. Weitere Kriterien charakterisieren das Multiple als Skulptur
im Gegensatz zur zweidimensionalen Druckgraphik oder als industriell
produziertes in Abgrenzung zum vom Künstler individuell gestalteten
Objekt. Aber auch hier ist die ästhetische Praxis den kunsthistorischen
Kategorisierungsversuchen längst enteilt. Joseph Beuys, in dessen
Œuvre das Multiple eine zentrale Funktion einnimmt, hat diesen
Begriff nicht nur auf alle seine Editionen ausgedehnt, er hat auch
eine Definition gesucht, die sich von den formalen Kriterien löst
- sie sind für ihn lediglich Vehikel - und das Multiple als das
Ergebnis eines eigenständigen künstlerische Konzeptes definiert:
„Ich bin interessiert an der Verbreitung von physikalischen
Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen
interessiert bin,“ bestimmte er seine ideale Vorstellung von
den Qualitäten multiplizierter Kunst.
Nicht
die Gestalt (Material, Herstellungsprozeß, Auflage), sondern
seine Funktion definiert demnach das Multiple. Seine Entstehung und
Entwicklung sind deshalb ursächlich mit den gesellschaftlichen
Umbrüchen im zwanzigsten Jahrhundert verknüpft. Die Ablösung
einer ganzheitlichen handwerklichen Fertigung durch den arbeitsteiligen
industriellen Werkprozeß hat ihre Auswirkung auch auf die künstlerische
Produktion ausgeübt. Während die Gesellschaft die künstlerische
Tätigkeit jetzt neu und dabei vor allem in einer Gegenposition
zur industriellen Arbeit definiert, fühlten die Künstler
selbst sich ermutigt, ihren eigenen Arbeitsethos zu revidieren und
sich den Erfordernissen einer modernen Industriegesellschaft anzunähern.
Das Multiple, das sich während der frühen sechziger Jahre
innerhalb kürzester Zeit in der Kunstszene etablierte, war einer
dieser Befreiungsversuche der Künstler aus dem traditionellen
Rollenbild des abgeschlossen im Atelier kreativ tätigen Schöpfers.
Das Multiple bedingt den Kunstproduzenten, der seine Ideen in Zusammenarbeit
mit anderen industriell und als massenfähiges Produkt realisiert.
In der inzwischen legendären Edition MAT (Multipliation d‘Art
Tranformable) vertrieben die Künstler Daniel Spoerri und Karl
Gerstner zwischen 1959 und 1965 Auflagenobjekte, die grundsätzlich
auf einhundert Exemplare limitiert wurden, trotzdem aber an dem Ideal
des künstlerischen Unikats festzuhalten versuchten. Die Werke
von Pol Bury oder Jean Tinguely waren als kinetische Objekte konzipiert,
die sich permanent veränderten und auf diese Weise jedem ihrer
Besitzer kontinuierlich ein anderes „Bild“ von sich darboten.
Der
Graphikboom der frühen siebziger Jahre hat in gleicher Weise
auch das Interesse der Künstler und Sammler am Multiple intensiviert.
Die gesellschaftlichen Reformen der Nach-68er-Ära strahlten auch
auf den Kunstmarkt aus, forderten auch von ihm demokratischere Strukturen
ein und propagierten eine Verfügbarkeit der Kunst für alle.
In dieser Situation entwickelte sich gerade das unlimitierte Multiple
zum idealen Träger künstlerischer Ideen. Das Multiple wurde
nicht primär in seiner Beziehung zum Unikat und damit als dessen,
durch Vervielfältigung preisreduzierte, Variante gesehen. Es
orientierte sich vielmehr an den modernen Informationsmedien, denn
wie sie kommuniziert es geistige Ideen bevorzugt an ein Massenpublikum.
Die Vervielfältigung wird dabei zum integrativen Element des
künstlerischen Konzeptes. Adressat war nicht eine Mehrzahl individueller
Besitzer, sondern gerade ihre Summe als Gemeinschaft. Zumindest gewünscht
war die allgegenwärtige Präsenz des Multiples und seiner
ästhetischen wie gesellschaftlichen Sprengkraft. Joseph Beuys
hat sich dieser Idee mit dem 1968 erstmals produzierten und schließlich
in einer Auflage von annähernd 20.000 signierten Exemplaren verbreiteten
„lntuitions“-Kästchen wohl am weitesten angenähert.
Im
Werk von Dieter Froelich entstehen Multiples seit 1987. Nach jeweils
lediglich einer Edition in den ersten drei Jahren, hat sein Interesse
an dem Medium mit seinen im Kunstmarkt eigenständigen Vertriebsmöglichkeiten
kontinuierlich zugenommen. Die vorliegende, eine erste Bestandsaufnahme
dieser Arbeiten begleitende Publikation, ist zugleich das fünfzigste
Multiple des Künstlers. An ihm wird exemplarisch auch das Spektrum
der Werke anschaulich, die hier unter diesem Sammelbegriff zu subsumieren
sind. Für die Editionen von Dieter Froelich wäre allerdings
wieder eine eigene, individuelle Definition des Multiples notwendig,
die auch seine Plakate, Stempeldrucke und vor allem die zahlreichen
Katalogproduktionen mit berücksichtigt. Die allermeisten der
Motive und Themen, die in den Multiples auftreten, korrespondieren
mit den zeitgleichen Arbeiten mit Unikatcharakter. Das Bild- und Textrepertoire
ist identisch, und Abgüsse mittelalterlicher Madonnen, von Sammelschiffchen
und Getränkeflaschen tauchen hier wie dort auf. Im Multiple können
bestimmte Ideen variiert und Ansätze weiter ausformuliert werden.
Interessant
werden diese Arbeiten aber vor allem dort, wo sie eigenständige
Qualitäten in das Werk einführen, indem sie ein künstlerisches
Konzept nicht nur vervielfältigen, sondern ihm eine erweiterte
Qualität geben. Es sind dies solche Werke, die eine Multiplikation
nicht nur ermöglichen, sondern geradezu erzwingen. Grundsätzlich
gilt dies sicher nur für wenige Objekte. Bei Dieter Froelich
finden sich aber mehrere solcher genuin multiplen Arbeiten, zu denen
u.a. die Sammelalben gehören. Die Aspekte des Sammelns, Ordnens
und Tauschens, die diesen Editionen inhärent sind, erfordern
mehrere Besitzer, die als potentielle Tauschpartner zur Verfügung
stehen könnten. Entsprechendes gilt für das 1994, anläßlich
der Ausstellung im Bremerhavener Kunstverein, der „Nordsee-Zeitung“
beigelegte Plakat. Auch hier ist der Vertriebsweg, also das Medium,
Teil seiner künstlerischen Botschaft.
Ebenso
wertet Dieter Froelich das gegenüber den Unikatarbeiten im Regelfall
kleinere Format der Editionen zum konzeptuellen Bestandteil dieser
Werke auf. Die Handhabbarkeit der Objekte wird bewußt herausgestellt.
Der Betrachter kann die Sammelbögen ausschneiden und die einzelnen
Motive in die Kataloge einkleben. Er kann die Objekte aus- und wieder
einpacken. Beide Arten der Präsentation sind möglich und
haben ihre Berechtigung. Die vom Künstler selbst gefertigten,
charakteristischen Verpackungen in Spanplattenkisten sind Bestandteile
dieser Werke. Die Tragegriffe unterstreichen Froelichs Konzept des
mobilen Multiples. Ihre ästhetische Funktion geht über die
der erleichterten Handhabbarkeit weit hinaus. Anders als alle Unikatobjekte
sind viele der Multiples von Dieter Froelich darauf angelegt, sich
ihren Präsentationsort immer neu zu suchen und ihren Besitzer
auf seinen Reisen zu begleiten. In der 1996 entstandenen Edition zu
der faksimilierte Buchausgabe von Goethes „Italienischer Reise“
beschreiben sich Form und Inhalt schließlich gegenseitig.
Die
exklusive Auseinandersetzung mit den Multiples von Dieter Froelich
erfährt dadurch ihre Berechtigung, daß diese Werke nicht
nur quantitativ eine Mehrzahl, sondern gerade einen konzeptuellen
Mehrwert schaffen, den sie anderen Arbeiten des Künstlers voraus
haben.
Dietmar
Elger
Hannover
1997