Zwischen Doppelung und Differenz
Vier Fragen und acht Antworten zu „Amerika gibt es nicht“ von Dieter Froelich

S.D.: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Dieter Froelich und Martin Waldseemüller?

H.W.: Waldseemüller war Kartograph. Kartographie ist die Wissenschaft von der Abbildung der Erdoberfläche durch Herstellung von Landkarten. Landkarten sind in bestimmtem Maßstab verkleinerte und in eine Zeichenebene projizierte Abbilder der Erdoberfläche oder von Teilen derselben. Waldseemüller hat 1507 vorgeschlagen, Amerika „Amerika“ zu nennen — die Voraussetzung für Froelichs fast 500 Jahre jüngere Negation, die freilich die empirische Wirklichkeit auf ihrer Seite hat. Natürlich gibt es Amerika nicht auf Karten, sondern höchstens Projektionen, die konventionell bezeichnet werden. Aber wenn man in Lexika nach Längenangaben von Küsten und Landesgrenzen sucht, findet man Zahlen, die um über zwanzig Prozent voneinander abweichen. Warum? Weil die Länge von Küsten und Grenzen von der Größe des Maßstabs abhängt, mit dem sie gemessen werden:
Große Maßstäbe überspringen kleinere Ausbuchtungen und führen zu entsprechend unpräzisen Projektionen; andererseits wächst die Länge einer Küstenlinie mit der Verkleinerung des Maßstabs ins Grenzenlose. In diesem Sinne ist der räumliche Umfang Amerikas unendlich, ein darin festlegbares „Amerika“ gibt es nicht. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Froelich und Mandelbrot zu geben. (Aber wer ist Mandelbrot?)

R.S.: Die Wahrheit von „Amerika gibt es nicht“ liegt nicht in der Beziehung der Zeichen zur Welt, sondern in jener kleinen und beständigen Beziehung, die Sprachmarkierungen - hier das Tafelbild selbst und z.B. Wassermanns Columbus Biographie oder Waldseemüllers „Weltkarte in 12 Blättern“ — zwischeneinander weben. Getäuschte Fiktion wird zur darstellenden Kraft der Zeichen, die über ihre Zeichennatur zusammenhängen. Dabei sieht man die grausame Vernunft der Identitäten und Differenzen mit den Zeichen und der Ahnlichkeit spielen. Die Zeichen zerbrechen ihre alte Verwandtschaft mit den Dingen, um in jene einsame Souveränität einzutreten, aus der sie in ihrem abrupten Sein erst als zur Kunst gewordene wieder erscheinen.

S.D.: „Amerika gibt es nicht“ - Lösung oder Aufgabe?

H.W.: Zunächst kann eine Seinsaussage weder Lösung noch Aufgabe sein, aber natürlich formuliert sich in Froelichs Arbeit die komplexe Aufgabe, Abgebildetes und Bezeichnetes, Vorhandenes und Nichtvorhandenes, Gegebenes und Projiziertes zu differenzieren. Wie schwierig das ist, erschließt sich sofort, wenn dieses „Amerika“ aus der „Karte“ herausgenommen wird - denn gerade dann gibt es ja das konventionell mit „Amerika“ bezeichnete Fragment einer Weltkarte, dann bestätigt es als Leerraum wie als Umriß, wie als Objekt, das einem anderen zugeordnet ist, in einer mehrfachen Negation seine Existenz. „Amerika gibt es nicht“ ist also eine Setzung, aus der eine Aufgabe resultiert.

R.S.: Amerika! Welcher Name hat einen Inhalt gleich diesem Namen! Wer nicht Dinge der gedachten Welt nennt, kann in der wirklichen Welt nichts Höheres nennen. Das Individuum sagt: mein besseres Ich, der Erdglobus sagt: Amerika. Widerspruch, Euer Ehren, denn ohne Widerspruch gibt es keine Bewegung der Begriffe, keine Bewegung der Zeichen; die Beziehung zwischen Begriff und Zeichen wird automatisiert, das Geschehen kommt zum Stillstand, das Realitätsbewußtsein stirbt ab. Dank dieser poetischen Funktion des Widerspruchs ist „Amerika gibt es nicht“ ein grundlegender und zielbewußter Organisator der Ideologie und sichert unsere Formeln von Liebe und Haß, von Aufbegehren und Versöhnung, von Glauben und Ablehnung vor Automation und Einrosten.2

S.D.: Ist Froelich ein Topograph?

H.W.: Topographien sind Lagebeschreibungen - sie geben Orte, Höhen und Tiefen an. In bezug auf Orte sind wir ja alle Positivisten - etwas ist irgendwo oder nicht. Aber andererseits versteht man unter Topoi auch Klischees und präformierte Wahrnehmungsweisen - die Topographie hätte in diesem Sinne auch mit dem nicht ohne weiteres Sichtbaren und den Weisen des Sehens zu tun. Sie müßte beschreiben können, was den Dingen und Orten qua Geschichte und Deutung eingeschrieben ist. Topographie würde interessant, wenn sie den Ausdruckscharakter und die Geschichte dessen, was sie lokalisiert, mitbestimmen könnte: wie etwas wo ist. Froelich ist kein Topograph, aber er formuliert topographische Fragen.

R.S.: Eine Topographie der täglichen Bedürfnisse: Dies ist eine vertraute Welt. Dank der Sprache, dank der Karten, dank einiger Schilder auf der Straße kann das Gehirn die Oberfläche der Räume knapp unterhalb des Vertrauten verdauen. (Topographie als Speisenkarte fürs Bewußtsein gleichsam.) Und gleichzeitig die Vorstellung einer Karte, die erst wieder aus den Fugen gerät, nachdem sie 500 Jahre lang im täglichen Gebrauch Gültigkeit zu beweisen schien. Die Umkehrung: Ein Stück Zeit, fein säuberlich herausgesägt, ein paar m2 Fläche, die rückwärts ablaufen ... Das Benutzen der Karte, die aufs genaueste aufzeichnet — und dann erst aus ihr heraus der Widerspruch, einholend was längst schon tot ist ... ein Geist am Himmel, die Kategorie des GegenSatzes.3

S.D.: Gibt es eine Karte des Dystopischen?

H.W.: Die Bemerkung von Wilde, daß jede Karte der Welt unvollständig sei, wenn auf ihr die Insel Utopia fehle, erfaßt ja schon, daß in das Archiv dessen, was zur Welt zählt, auch das Nicht- oder Noch-Nicht-Vorhandene gehört. Mit dem Dystopischen ist es komplizierter, denn es bezeichnet ja wohl das, was an Möglichkeiten einmal vorhanden war, aber nicht zur Wirklichkeit geworden ist. Froelich bearbeitet mit dem Gegenstand „Karte“, mit der Puzzle-Anleihe, mit dem Tafellack, auch mit der scheinbar evidenzwidrigen Behauptung „Amerika gibt es nicht“ Momente, die zur Kindheit gehören - und als Kind lernt man ja, wenn auch zweifelnd und ungläubig, was es gibt und was nicht. Jede Seinsaussage freilich schließt eine Unzahl von Möglichkeiten aus, wie es auch sein könnte, vereindeutigt, was aus der Sicht eines Entdeckenden mehrdeutig und fragwürdig ist. Dystopologie als Lehre von den verschütteten, nicht zur Welt gekommenen Möglichkeiten: das wäre zugleich eine Wissenschaft vom Fehlenden, von dem, was in die Welt gehörte. Aber ein Dystopologe hätte es nicht leicht, mit den Mitteln der Wissenschaft, also mit denen der Erfahrung und der Theorie, zu ermitteln, was fehlt. Er müßte Künstler sein.

R.S.: Der donquichotische Irrtum des Columbus: Jedes Geschehen wird ihm Roman. Die hohe hagere Gestalt, ein langer magerer Graphismus, wie ein Buchstabe, ist gerade den offenklaffenden Büchern entkommen. Sein ganzes Wesen ist nur Sprache, Text, bedruckte Blätter, bereits gezeichnete Karten. Der Wortsklave ist aus verkreuzten Zeichen gemacht, ist in der Welt zwischen den Ahnlichkeiten der Dinge irrende Schrift. Doch die Zeichen und die Dinge ähneln sich nicht mehr, die auf den Seiten der Folianten niedergelegten Karten haben nur den Wert einer geringen Fiktion dessen, was sie repräsentieren; in dieser „Dystopie“ irrt Columbus in sein Abenteuer. Sein Ruhm ist Scherbenwerk.4

1) frei nach M. Foucault, ,,Die Ordnung der Dinge“
2) ein fiktiver Streit zwischen F. Kürnbergers „Amerikamüden“ und R. Jacobsen
3) zwei Amerikaner auf Papier: W. Abish meets T. Pynchon (- in freier Uberarbeitung)
4) J. Wassermanns ,,Christoph Columbus“ umwebt M. Foucault, a.a.O.
Fragen: Stephanie Dobiesz
Antworten: Raimar Stange (Textverarbeitung)
und Harald Welzer