Als René Magritte unter das Abbild der Pfeife den Satz: »Ceci n’est pas une pipe« (Dies ist keine Pfeife) schrieb, ist der referentiale Charakter des Bildes, das Bild also, das der Betrachter sich von dem Gegenstand selber macht und das nur scheinbar das Ding selber darstellt, als Problem der Kunst offensichtlich geworden. Wir haben spätestens seither gelernt, mit diesem Bruch zu leben, daß das Bild von etwas ebenso wichtig oder real sein kann wie der Gegenstand selber, den es abbildet, ja, daß erst die Abbildung, also seine bildnerische Übersetzung, es zum Bild, also Kunstwerk macht und sei es nur wegen der Behauptung oder Setzung, die es in sich trägt. Denn an den handwerklichen Fähigkeiten einer Umsetzung in Malerei kann es, zumindest was René Magritte angeht, nicht liegen, zählt er doch wahrlich nicht zu den Meistern der Peinture (man vergleiche seine trockene, akademische »Anstreicherei« nur einmal mit den atmosphärisch-malerisch aufgeladenen Bildern eines gleichzeitigen Pierre Bonnard). Peinture stand hier auch nicht zur Frage, sondern Darstellung »pur« reichte völlig aus, zu transportieren, was an Fragestellung zu transportieren war und nur dieses. Immerhin aber lebte der Bildzusammenhang von der aufeinander, wenn auch als Widerspruch, bezogenen Beziehung der Pfeife und der — allerdings seine Existenz als solche negierenden — Pfeifenbezeichnung.

Ein Künstler, wie Dieter Froelich, ein Nachgeborener, dem die Erfahrungen der Erfindergeneration zur Verfügung stehen, hat es da schwerer, die Beziehungen zwischen dem avisierten Ding und seiner Bezeichnung darzustellen, und deshalb scheint er auf sie verzichten zu wollen. Es fragt sich angesichts seiner den Blick verunsichernden, ja in ihrer absichtlichen Banalität höchst irritierenden Textarbeiten als auch der Skulpturen, ob er das eigentlich überhaupt möchte, ob er nicht vielmehr etwas ganz anderes im Sinne hat, ob ihn gar die doch als selbstverständlich oder gar logisch anzusehende Verbindung zwischen dem Ding und dem Wort, das es bezeichnet, überhaupt noch interessiert? Was geht in dem Künstler und seinem Rezipienten vor, wenn eine Preßspanplatte billigster Provenience zum Träger so unterschiedlicher Worte wird, die mittels Lettern von eben solcher Banalität bedruckt / beschrieben sind, die zwar einen Gegenstand bzw. Lebewesen benennen, diese aber allenfalls assoziieren lassen, sie aber zugleich wie im luftleeren Raum aller Zusammenhänge entkleiden, ja, ihnen die Aura ihrer Erscheinung und d.h. Existenz nehmen? Sie sind weder das, was sie bezeichnen, noch weist außer ihrer Bezeichnung irgend etwas auf eine Beziehung zu dem bezeichneten Gegenstand hin, als da wären: literarische Zusammenhänge in Form einer noch so verkürzten Erzählung, die von dem bezeichneten Ding oder Wesen Kunde gäbe, noch auch ein formaler Bezug zum bezeichneten Objekt selber:
Wenn beispielsweise verschiedene Dinge auf gleichem Material, in gleicher typografischer Erscheinung, mit gleicher Farbe benannt werden: »Suppe — Tisch — Pferd«. Ebenso verhält es sich mit den Gegenständen, oder nennen wir sie ruhig »Skulpturen«, die er schafft, obwohl ihnen fast alle Charakteristika der individuellen Gestaltung fehlen, da sie wie aus der Massenfertigung erscheinen, gleichförmig im wahrsten Sinne des Wortes, seriell, aus gleichem Material und in gleicher Farbe gefaßt, obwohl sie doch Pferd, Treppe, Haus, Kreuz, Kirche, Tisch, Tasse usw. darstellen und aus ein und demselben Zusammenhang, nämlich dem eines Bildes, gelöst zu sein scheinen.

Das Stichwort ist gefallen: Es fehlt der Zusammenhang, und er fehlt ganz bewußt; es fehlt das übergeordnete Ganze, vielleicht gar das Zusammenfassende eines Glaubens? Einer religiösen Bindung? Einer Ideologie, oder eines Stiles vielleicht nur, gewissermaßen mit kleinerer Münze ausgezahlt als mit den ganz großen Hämmern der weltanschaulichen Betrachtung? Ist das so überraschend, daß ein Künstler seiner Generation all den Verheißungen der heruntergewirtschafteten Überbauten nicht mehr vertraut, ja sie abwehrt? Ist es überraschend, daß ein so intelligenter Nachgeborener, wie Dieter Froelich, nicht mehr hinter Magritte zurückfallen möchte, der die Frage nach der inneren Logik von Darstellung und Existenz in der Behauptung »Ceci n’est pas une pipe« aufhob? Froelichs Pferde sind deshalb noch lange keine »Pferde« mehr, seien sie nun skulpiert oder geschrieben; vielleicht sind sie »Suppe«, sie könnten aber ebenso »Tisch« sein, wer will das entscheiden in einer Zeit, in der die »wirklichen« Ereignisse erst durch ihre Erscheinung im Bild des Fernsehens als »Reality-TV« als wirklich erkannt werden, wie gefälscht sie auch immer sein mögen (wie wir, Gott sei Dank, noch immer zu erkennen vermeinen).

Dieter Froelich ist, das wird deutlich, ein Skeptiker hohen Grades gegenüber den Möglichkeiten, sich die Welt durch Nachbildungen, durch Texte und Worte und durch skulpturale Nachbildung vertrauter zu machen. Er erlaubt sich aber trotzdem, wenigstens die Frage nach einer möglichen anderen Erscheinung des realen wie des jeweils assoziierten Bildes oder Begriffes jenseits ihrer augenblicklichen und vielleicht sogar absichtlich banal wirkenden Erscheinung zu erhoffen. Die Antwort bleibt — vorläufig — offen; sie zu stellen ist erst einmal Tat genug.

Thomas Deecke
Bremen
1994